Willkommen in meinem Blog

Psychotherapie I ADHS & Autismus I Frausein I Lebensübergänge

In meinem Blog teile ich Gedanken, Erfahrungen und kleine Einblicke rund um Psychotherapie, ADHS & Autismus, Frausein und Lebensübergänge. 

Sie sollen Orientierung und Anregung für den Alltag geben, sowie Verbindung und Verständnis fördern. Viele meiner Texte nehmen Bezug zur Natur als Spiegel der menschlichen Innenwelt und zu den jeweiligen Jahreszeiten. Sie verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse und mein persönliches Erleben.
Jeder Beitrag entsteht mit Sorgfalt und unter der Berücksichtigung des aktuellen Wissensstandes.
Nehmen Sie mit, was für Sie stimmig ist.


Autismus & Empathie - neue Forschungen

März '26

Wenn Empathie anders funktioniert - ein Blick auf Autismus und die Theory of Mind

Der Begriff Autismus ist für viele Menschen eng mit der Annahme verknüpft, dass Betroffene eine mangelnde Fähigkeit aufweisen, Empathie zu empfinden und dass daraus viele zwischenmenschliche Schwierigkeiten resultieren. So eilt autistischen Menschen der Ruf voraus, gefühlskalt oder gleichgültig zu sein.

Seit einiger Zeit ist zu beobachten, wie sich eine sehr konträre Bewegung entwickelt - nämlich unter der Hypothese, autistische Menschen, vor Allem Frauen, seien hyperempathisch - würden also viel mehr (mit)fühlen als die meisten Menschen. 

Eine aktuelle Meta-Analyse hat sich unter der Berücksichtigung und Auswertung von 226 Studien dieses Themas angenommen und ist zu spannenden Erkenntnissen gekommen, die uns dazu anhalten, dieses Thema neu zu denken. ("A systematic review and meta-analysis of empathy in autism: The influence of measures" Autoren: Cusson et.al., 2025)

 

Das theoretische Modell der Empathie - eine Begriffsklärung

Wenn ich Menschen frage, was für sie Empathie bedeutet, bekomme ich sehr unterschiedliche Antworten. Daher erscheint es mir für diesen Artikel sinnvoll, den Begriff Empathie unter die Lupe zu nehmen. 

Empathie ist ein vielschichtiges Erleben und lässt sich in mehrere Bereiche unterteilen:

1. Kognitive Empathie oder auch "Theory of Mind" - setzt sich zusammen aus zwei Bereichen:

  • intellektueller Part: das intuitive Erfassen und Verstehen der Gedanken, Handlungen, Absichten und Perspektiven anderer Menschen
  • emotionaler Part: das intuitive Erkennen der Gefühle und emotionalen Zustände anderer Menschen durch ihre Mimik, Gestik, Tonfall

2. Emotionale Empathie:

  • "Empathic Concern": Emotionales Mitgefühl gegenüber anderen ("Ich fühle Anteilnahme, wenn jemand leidet"), führt zu dem Wunsch zu helfen
  • emotionale Ansteckung: Gefühle eines anderen Menschen werden unbewusst übernommen, schnell und reflexhaft und häufig körperlich spürbar

Neben diesen emtpathischen Reaktionen beschreiben viele Modelle noch eine weitere mögliche emotionale Antwort auf das Leid anderer: 

  • den "Personal Distress": starke eigene Gefühle und Stressreaktionen auf emotionale Zustände anderer Menschen - zum Beispiel starke innere Unruhe, emotionaler Stress und der Wunsch, der Situation zu entkommen

Ob diese Reaktion zu Empathie gezählt werden kann, oder rein reaktiv zu betrachten ist, ist nicht eindeutig geklärt.

 

Die Erkenntnisse der Meta-Analyse

1. Unterschiede zeigen sich vor allem bei der kognitiven Empathie

Die deutlichsten Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen zeigen sich im Bereich der kognitiven Empathie - also der Fähigkeit, Gedanken anderer Menschen zu verstehen, Absichten und Überzeugungen nachzuvollziehen und emotionale Zustände anhand von Mimik, Gestik oder Tonfall zu erkennen.

Dies bedeutet nicht, dass autistische Menschen diese Fähigkeiten grundsätzlich nicht besitzen. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass sie im Durchschnitt mehr kognitive Anstrengung und Zeit benötigen, um soziale Informationen zu interpretieren.

2. Emotionale Empathie unterscheidet sich deutlich weniger

Hier fand die Meta-Analyse nur sehr kleine Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen. Wenn ausschließlich Studien mit sehr hoher Qualität berücksichtigt wurden, verschwand der Unterschied sogar vollständig.

Mit anderen Worten: Die Studie fand keine Hinweise darauf, dass autistische Menschen grundsätzlich weniger emotionales Mitgefühl empfinden.

3. Auffällig ist eine stärkere eigene Stressreaktion

Wenn andere Menschen leiden oder starke Emotionen zeigen, erleben manche autistische Menschen stärkere eigene Stress- oder Überforderungsreaktionen. Diese Reaktionen bedeuten jedoch nicht gleichzeitig, dass weniger Mitgefühl besteht, sondern beschreibt lediglich eine intensives eigenes emotionales Erleben.

 

Eine vorsichtige Schlussfolgerung

Diese Meta-Analyse zeigt, wie wichtig es ist, Empathie in mehrere Komponenten zu unterteilen, um ein wirklich aussagekräftiges Bild zu erhalten. Sie lässt die Annahme zu, dass bei Autismus die Empathie nicht einfach fehlt, sondern anders strukturiert und organisiert ist und über andere Wege begangen wird. Autistische Menschen fühlen häufig viel und tief, haben aber mehr Schwierigkeiten, dies in helfende Handlungen, passende Worte oder kognitives Verstehen zu übersetzen. 

Besonders zu erwähnen sei hier die Fähigkeit vieler autistischer Menschen, soziale Situationen analytisch herzuleiten und zu erklären. Viele entwickeln im Laufe ihres Lebens differenzierte Strategien, die zu einer großen Stärke werden: genaues Beobachten, das Erkennen von Mustern in Verhalten und Kommunikation und das Wahrnehmen zahlreicher Details, die anderen entgehen. 

 

Autistische Frauen in helfenden Berufen 

Am Ende dieses Artikels möchte ich erwähnen, dass sehr viele autistische Frauen in helfenden Berufen arbeiten - als Ärztinnen, Therapeutinnen, Erzieherinnen und anderen sozialen Bereichen.

Der analytische Zugang ist oft eine besondere Stärke und Qualität. Viele autistische Frauen haben eine hohe Beobachtungs- und Auffassungsgabe, nehmen Muster und Details sehr fein wahr und haben ein ausgeprägtes Gespür für komplexe Zusammenhänge. Offenheit, Sorgfalt und ein vorausschauender Blick schaffen gute Rahmenbedingungen für eine gelingende Zusammenarbeit.

Empathie zeigt sich so nicht nur als spontanes Mitfühlen, sondern auch als aufmerksames, ernsthaftes Verstehenwollen eines anderen Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Neurodivergenz & Übergänge

Januar '26

Übergänge als Teil des Lebens

Übergänge sind ein fester Bestandteil unseres Lebens. Manche begehen wir bewusst, weil sie im Alltag oder im Jahreslauf eine hohe Relevanz haben - wie ein Jahreswechsel oder der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Andere verlaufen unbemerkt oder finden kaum Beachtung, weil sie uns selbstverständlich erscheinen - beispielsweise der Wechsel zwischen zwei Tätigkeiten, oder von einem inneren Zustand in einen anderen.
Ob Übergänge leicht oder schwer fallen, welche von Bedeutung sind und wie wir mit Veränderungen umgehen, ist jedoch sehr verschieden.
 

Übergänge im Kontext der Neurodivergenz

Im Zusammenhang mit Neurodivergenz bedeuten Übergänge Wechsel von Zuständen, Aktivitäten, Kontexten und innerem Fokus. Sie sind nicht nur organisatorischer Natur, sondern bedeuten neurologisch ein hohes Maß an Energie und Aufwand. Dies hat zur Folge, dass Menschen, die von ADHS und Autismus betroffen sind, Übergänge und Veränderungen häufig als große Herausforderungen erleben, bis hin zu Handlungsunfähigkeit, Shutdown oder Meltdown. Diese haben nichts mit Faulheit, Hysterie oder Vermeidung zu tun, sondern sind direkte Folgen von neurologischer Überlastung.

 

Übergänge bei ADHS

Menschen mit ADHS kennen die Schwierigkeiten, mit etwas zu beginnen und aufzuhören und erleben starke Schwankungen in der Motivation und der verfügbaren Energie.
Dies ist keine Frage des Wollens, sondern hat neurologische Hintergründe: sie hängen mit dem Neurotransmitter Dopamin und mit den exekutiven Funktionen des präfrontalen Cortex zusammen. 
Dopamin spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie relevant eine Handlung erlebt wird, wie viel innere Aktivierung möglich ist und ob überhaupt ein Handlungsimpuls entsteht. 
Wenn etwas neu, aufregend, emotional relevant, hochinteressant oder dringend erscheint, kommt es zu einer starken Aktivierung von Dopmain. Dadurch entstehen intensiver Fokus, Ausdauer, Verlust von Zeitgefühl und Schwierigkeiten beim Wechsel oder Beenden der Tätigkeit.
Der präfrontale Cortex ist unter anderem dafür zuständig, Handlungen zu planen, zu beginnen, zu beenden und zwischen Tätigkeiten zu wechseln. Wenn diese Steuerung durch eine Dysregulation im Dopaminhaushalt erschwert wird, entstehen die typischen Herausforderungen im Umgang mit Übergängen.
Bei alltäglichen, sich wiederholenden Anforderungen, bei denen sich ein Belohnungseffekt erst spät oder vielleicht gar nicht einstellt, bleibt die innere Aktivierung häufig gering. Das Anfangen kann sich dann blockiert anfühlen, Motivation entsteht nicht "von selbst" und reine Willenskraft reicht oft nicht aus, um eine Handlung in Gang zu bringen.

Ein Verständnis dieser Zusammenhänge, sowohl bei Betroffenen als auch ihren Angehörigen, kann dazu führen, Übergangsschwierigkeiten einerseits besser einzuordenen und nicht zu pathologisieren - andererseits kann dieses Wissen um das eigene System Betroffene dazu ermächtigen, Strategien zu entwickeln, die zu Entlastung und besserem Gelingen beitragen.

 

Übergänge bei Autismus

Bei Menschen mit Autismus sind die Gründe für Schwierigkeiten mit Übergängen und Veränderungen etwas anders. Sie betreffen mehrere Hirnregionen wie beispielsweise den präfrontalen Kortex, das Kleinhirn, das Arbeitsgedächtnis und die atypische Konnektivität verschiedener Hirnareale.
Hier geht es primär um die Themen Umstellung, Vorhersagbarkeit und Reizverarbeitung.

Sicherheit entsteht, wenn Abläufe bekannt sind, wenn es feste Reihenfolgen gibt und wenn Übergänge durch kleine Rituale wieder als kontrollierbar und gerahmt erlebt werden.
Denn Übergänge und Veränderungen bedeuten häufig einen Verlust von Kontrolle über das Erwartbare.
Veränderungen müssen kognitiv und sensorisch verarbeitet und integriert werden. Dies geschieht nicht automatisch, sondern benötigt eine Neurorientierung in der veränderten Situation. Dies braucht Zeit und kann zu hohem Stresserleben führen, bis alles innerlich wieder seinen Platz gefunden hat.
Auch das Umstellen von einer Aufgabe zu einer anderen bedeutet einen hohen energetischen, neuronalen und auch mentalen Einsatz. 
Reizverarbeitung spielt eine große Rolle, da Übergänge und Veränderungen häufig mit neuen sensorischen Reizen zusammen hängen - Geräusche, Gerüche, Körperempfindungen, das soziale Umfeld: Reizüberflutung und Ungewissheit verstärken den Übergangsstress. 
Übergänge sind leichter, wenn sie selbst herbei geführt wurden (Kontrolle), oder wenn sie verständlich eingeordnet werden können. Unklare, kurzfristige oder nicht nachvollziehbare Änderungen sorgen für Stress.
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Übergänge und Veränderungen für autistische Menschen mit hohen mentalen und körperlichen Energiekosten verbunden sind und zu Erschöpfung führen können.
Auch emotional können sie sich intensiv auswirken und zu starken Spannungszuständen, Meltdowns (Entladung nicht regulierbarer Überforderung) und Shutdowns (Rückzug, Erstarren) führen.

Vor diesem Hintergrund mag verständlich werden, warum Übergänge bei Autismus nicht einfach bewältigt werden können, sondern Rahmen, Zeit und ein achtsames Umfeld sowie Selbstfürsorge benötigen, um innerlich gut integriert zu werden.

 

 

Gewahrsein und Veränderungen

Übergänge machen sichtbar, wie unterschiedlich neurodivergente Systeme mit Veränderungen, Aktivierungen und Umstellungen umgehen. 
Zusätzlich wird klar, dass es hilfreich sein kann, sie bewusst zu begehen.
Nicht nur die großen Übergänge brauchen unsere Aufmerksamkeit - auch die kleinen, alltäglichen dürfen gewürdigt werden. Besonders Menschen mit ADHS und Autismus profitieren davon, ihre eigenen Muster, Bedürfnisse und Herausforderungen genau wahrzunehmen, um Übergänge gut zu gestalten.


Neurodivergenz & Selbstfürsorge

Dezember '25

"Deine Bedürfnisse sind kein Problem" 

- Devon Price, Sozialpsychologe und Autor ("Unmasking Autism")

Der Dezember ist für viele Menschen eine besondere Zeit. Die Tage sind kurz, die Nächte lang, das Leben wird langsamer und es stellt sich außen wie innen eine Qualität des Rückzugs und der Stille ein.
Ich schätze diese Jahreszeit sehr, weil ich sie als reizarm erlebe und sie meinem Bedürfnis nach Stille, Klarheit und Überschaubarkeit gerecht wird.
Spätestens im Herbst wird mir klar, wie wichtig diese Pause für mein Nervensystem ist.

Die dunkle Jahreszeit ist eng mit dem Thema Selbstfürsorge verbunden. 
Selbstfürsorge im Kontext von Neurodivergenz meint nicht unbedingt Wellness oder bestimmte Aktivitäten die Freude bereiten, sondern ein bewusstes Entlasten des Nervensystems. Für Autist*innen und ADHSler*innen ist dies etwas Grundlegendes und kein "nice to have". Es ist eine Form von Basisversorgung.

 

Selbstfürsorge bei Autismus

Für viele Autistinnen entsteht Selbstfürsorge durch minimierte Reize und ein hohes Maß an Vorhersehbarkeit. Dies kann zum Beispiel durch folgende Umstände gewährleistet werden:

 

  • regelmäßige Pausen und ein bewusster Umgang mit der zur Verfügung stehenden Energie (Stichwort "Löffel-Theorie" bei Autismus)
  • bewusste sensorische Entlastung (Licht, Geräusche, Kleidung, Umgebung)
  • das Reduzieren unnötiger Verpflichtungen (auch solche, zu denen wir uns moralisch verpflichtet fühlen)
  • die Erlaubnis, Rückzug und Pause zu brauchen nicht zu rechtfertigen
  • ein unterstützendes Umfeld (Partner, Familie, Freunde, die den autistischen Menschen mitdenken)
  • Zeit für tiefgehende und leidenschaftliche Interessen
  • sogenannte Fidget-Toys, die regulierend auf das Nervensystem wirken
  • bewusstes Gestalten von Übergängen
  • Methoden und Techniken zur Selbstregulation, die kleine Ankerpunkte im Alltag sind


Es geht nicht so sehr darum, etwas bestimmtes zu tun, als viel mehr darum, einen bestimmten Zustand herzustellen, der innere Ruhe entstehen lässt.

 

Selbstfürsorge bei ADHS

Hier sieht Selbstfürsorge meist etwas anders aus. Es geht mehr um Struktur, Entlastung und das Denken in überschaubaren, realistischen Schritten. Keine großen Vorsätze und komplizierten Selbstfürsorge-Rituale, sondern kleine, feine Momente im Tag:

 

  • Timer für kurze Pausen mit überschaubarer Achtsamkeitsübung
  • kleine Teilziele definieren, statt alles auf einmal zu erledigen
  • Reize und potentielle Zerstreuung bewusst machen und sortieren
  • Unterbrechungen im eigenen Tempo (Stichwort "Pomodoro-Technik")
  • Pausen machen, die nicht "erst verdient werden müssen"
  • regelmäßige kurze Bewegungseinheiten oder Ortswechsel
  • Musik, die zur Stimmung passt, entspannt oder motiviert
  • Entscheidungsdruck reduzieren und Aufgaben in kleine Schritte unterteilen
  • bewusster Umgang mit den eigenen Kapazitäten und Hyperfokus


Es geht weitestgehend darum, den eigenen Energiehaushalt ernst zu nehmen, das eigene Betriebssystem möglichst gut zu kennen und einen freundlichen, unterstützenden Umgang damit zu finden. 


 

Winter und Selbstfürsorge

Der Winter kann mit seiner Qualität eine Einladung sein, diese Zeit bewusst zu begehen. Weniger Ablenkung, weniger Aktivität im Außen - sich von Stille und Dunkelheit einhüllen lassen. Es ist ein natürlicher und auch notwendiger Rückzug im Jahresverlauf. 
Anschauen, was betrachtet werden muss, sortieren, was zu sortieren ist und mit den eigenen Bedürfnissen in Kontakt kommen. Nicht als Vorsatz oder unter dem Druck der Selbstoptimierung, sondern als Hinwendung zu sich selbst.



 

"Without darkness, nothing comes to birth, as without light, nothing flowers." 

- Carl Gustav Jung (zugeschrieben)



Authentizität & Masking

November '25

"Authentizität zu wählen bedeutet, den Mut zur Unvollkommenheit zu kultivieren."

Dieses Zitat stammt von der US-amerikanischen Sozialwissenschaftlerin und Professorin Brené Brown, die durch ihren TED-Talk "The Power of Vulnerability" bekannt wurde und zu Scham, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit forscht.

Für autistische Menschen, insbesondere spät diagnostizierte Frauen, sind die Themen Authentizität, Identität und Zugehörigkeit sehr zentral. Forschungen zeigen, dass bereits kleine Mädchen darum bemüht sind, ihre autismustypischen Verhaltensweisen zu unterdrücken, weil sie zu Kritik, Ablehnung und Isolation führen. 
"Masking" wird diese Überlebensstrategie unter Fachleuten und Betroffenen genannt. 

 

Masking bei Autistinnen

Anpassung im Alltag und in sozialen Situationen gehören zum Zusammenleben dazu und betrifft die meisten Menschen.
Bei AutistInnen bedeutet Masking jedoch oft mehr als nur kleine Anpassungen. Sie überspielen nicht nur einzelne Eigenarten, sondern ganze Bereiche ihres natürlichen Verhaltens. Teile ihres authentischen Selbstausdrucks werden durch erlernte Strategien überspielt, um nicht aufzufallen und Missverständnissen vorzubeugen.
Dazu gehört zum Beispiel, Blickkontakt zu halten oder vorzugeben, passende Gesichtsausdrücke zu zeigen, Smalltalk zu üben oder die eigene Körpersprache bewusst zu kontrollieren. 
Viele orientieren sich am Verhalten anderer, passen Kleidung und Interessen an, verbergen Reizüberflutung und Erschöpfung  oder den Wunsch nach Rückzug.
Häufig kommen Perfektionismus, übermäßige Vorbereitung und ständige Selbstbeobachtung hinzu. Stimming - repetitive Bewegungen und selbstberuhigendes Verhalten - wird weitestgehend unterdrückt.
Auch in Beziehungen und im Beruf bedeutet Masking übermäßige Anpassung und das Zurückhalten eigener Grenzen und Bedürfnisse. 

 

Konsequenzen des Maskings

Je nachdem, wie lange Masking zur Strategie im Leben gehört, mündet es nicht selten in chronischer Erschöpfung und Burnout - dem sogenannten autistischen Burnout. 

Ständige Selbstüberwachung, Entfremdung von den eigenen Grenzen und Bedürfnissen, permanente Reizüberflutung und äußere Funktionalität können die Gesundheit stark belasten. Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass Betroffene häufiger unter stressbedingten Schmerzen, Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen und sogar Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.
Auch das Thema des Identitätsverlusts wiegt schwer, weil spät oder gar nicht diagnostizierte Frauen häufig von tiefen Selbstzweifeln, Gefühlen der Unzulänglichkeit und Scham begleitet werden. 
Auch in Psychotherapien, die in Anspruch genommen werden, fällt der Autismus, sofern er noch nicht diagnostiziert wurde, bei Frauen oft nicht auf, weil sie die Maskierung auch in diesem Setting aufrecht erhalten. So erhalten sie häufig Diagnosen wie soziale Phobie, Depressionen, Burnout, (k)PTBS oder auch Borderline, aber die angewandten Therapiemethoden stoßen immer wieder an ihre Grenzen. 


Wege aus dem Masking

An dieser Stelle mag klar werden, wie wichtig es ist, um die eigene Neurodivergenz zu wissen und eine Diagnose sowie fachkundige Begleitung zu erhalten. 
Der Weg aus dem Masking hin zu einer authentisch gelebten Ausdrucksform ist weit und braucht Geduld. Strategien, die der Sicherung von Zugehörigkeit dienten, können nicht von heute auf morgen aufgegeben werden. 
Der Prozess der Demaskierung geschieht behutsam und nicht linear. Mit dem eigenen Wesenskern wieder in Kontakt zu kommen, benötigt ein feines Ausloten von individuellen Grenzen und unverhandelbaren Bedürfnissen. 
Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo Maskierung im Alltag stattfindet, ist ein erster bedeutsamer Schritt in ein neues Leben. 
Es ist ein vielschichtiger Vorgang nach und nach zu prüfen, welche Masking-Strategien durch authentische Handlungen ersetzt werden können und welche auch eine dienliche Form der Anpassung an das nicht-autistische Umfeld sind. 
Der Weg aus dem Masking ermöglicht Betroffenen, ein stabileres Selbstbild zu entwickeln und ein Stück weit sichtbar zu werden. 


 

Der November-Wald


Der November lädt dazu ein, auf die dauerhaft bestehenden, tragfähigen Strukturen zu schauen. Er erinnert uns, dass das Wesentliche bleibt, wenn wir uns trauen, das Überflüssige abzustreifen. Mit dem Fallen der Blätter wird die wahre Struktur sichtbar - alles andere kommt und geht. Loslassen, was Kraft gekostet hat und den Blick nach Innen richten, auf die eigene überdauernde Beständigkeit.
Das Leben zeigt, dass alles seine Zeit hat. Die kahlen Äste im November, die letzten goldenen Blätter sind eine notwendige Phase im Jahreslauf. 
So ist auch das vorsichtige Demaskieren ein natürlicher Entwicklungsprozess. Ein Übergang, in dem man sich an die eigene Grundstruktur herantastet, Blatt für Blatt hin zum eigenen Wesenskern - in Vorbereitung auf ein neue Phase des Wachstums, die weniger auf Anpassung und mehr auf Authentizität beruht.

Damit schließt sich der Kreis zu dem Eingangszitat von Brené Brown: Authentizität entsteht dort, wo wir uns trauen, uns in unserer echten Form zu zeigen - unvollkommen, einzigartig und genau damit tragfähig.  



Zugehörigkeit - eine Perspektive

Oktober '25

"Du musst nicht gut sein"

- schreibt Mary Oliver in ihrem Gedicht "Wild Geese" - Wildgänse. Ein Gedicht, das von dem eigenen Platz in der Welt erzählt.

Zugehörigkeit - ein zentrales Thema, das auf die ein oder andere Weise jeden Menschen betrifft. Es ist nicht nur ein sozialer Zustand, sondern ein emotionales Grundbedürfnis: gesehen, verstanden und akzeptiert zu werden.
Betrachten wir das ganze durch eine evolutionäre Brille, so sichert die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Sippe oder Familie unser Überleben. Wir brauchen einander. 
Zugehörigkeit entsteht immer auch durch Resonanz des eigenen persönlichen Erlebens. Teilen Menschen unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln, gibt uns das Sicherheit und Validierung unseres eigenen Seins. Wir spiegeln einander - auch auf einer intuitiven Ebene, die Bindung schafft.

Menschen mit Autismus erleben häufig ein tiefgreifendes Fehlen von Zugehörigkeit. Ihre Grenzen und Bedürfnisse, ihre Art zu denken, zu fühlen und in Kontakt zu treten, erfahren oft keine Resonanz. Das Gefühl, anders zu sein, eine andere Sprache zu sprechen oder gar von einem anderen Planeten zu sein, prägt das Leben vieler Betroffener. In dem Versuch, Zugehörigkeit über Anpassung zu sichern, geht leicht die Verbundenheit mit dem eigenen Wesenskern verloren. 

 

"Du musst nur zulassen, dass dein sanftes Selbst liebt, was es liebt" 

heißt es - sinngemäß übersetzt - weiter in Mary Olivers Gedicht. 
Autistische Menschen haben häufig ein oder zwei Menschen, zu denen sie eine tiefe und verlässliche Verbindung aufbauen, in der sie verstanden werden und sich nicht mehr erklären müssen. Viele profitieren von der Gewissheit, dass diese Verbindung stabil ist, auch wenn sie nicht auf die Art und Weise gestaltet wird, wie es für die meisten Menschen üblich wäre: regelmäßige Telefonate, häufige Treffen, geselliges Beisammensein, Spontanität oder gemeinsame Unternehmungen sind für viele autistische Menschen nicht das, was ihnen entspricht.
Doch genau hier liegt die Herausforderung, denn unser Zeitgeist und die gesellschaftlichen Erwartungen stehen diesen Bedürfnissen oft entgegen. 
Die Welt ist auf schnelle Interaktion, nonverbale Hinweise und ungeschriebene Regeln ausgerichtet - Flexibilität und Spontanität werden hoch gehalten und an vielen Stellen vorausgesetzt. 
Was für andere selbstverständlich ist und als lebendig wahrgenommen wird, birgt für autistische Menschen ein hohes Maß an Stress, Überforderung und Angst. Die Tatsache, dass sich die meisten Menschen in sozialen Settings, Gruppen und Freundschaften intuitiv und mit Leichtigkeit bewegen können, lässt Autist:innen immer wieder wahrnehmen, dass sie anders sind. Sie können die ungeschriebenen Gesetze des sozialen Miteinanders nur schwer entschlüsseln, wenn es keinen Rahmen gibt, der für sie nachvollziehbar ist. 
Diese Unsicherheiten zu überspielen und nicht aufzufallen, kostet sehr viel Energie. Gerade autistische Frauen haben es im Laufe ihres Lebens perfektioniert, gesellschaftlich erwartetes Verhalten durch Beobachten und Analysieren nachzuahmen. 
Dies führt häufig zu tiefgreifender Erschöpfung und Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen und dem eigenen Wesenskern und kann zu einem ernsthaften gesundheitlichen Risiko werden.
So steht das Bedürfnis nach Verbindung oft im Spannungsfeld zu dem, was für autistische Menschen möglich und machbar ist.
Wenn AutistInnen beginnen, sich von äußeren Erwartungen und inneren Ansprüchen zu lösen und den Mut aufbringen, Verbindung so zu leben, wie sie ihnen entspricht, zeigt sich oft eine tief verwurzelte Angst, allein zu sein und den Anschluss zu verlieren. Doch aus diesem Schritt in die eigene Wahrheit können Beziehungen entstehen, die tief, beständig und langlebig sind.

 

"Die Welt bietet sich deiner Vorstellungskraft dar"


In Mary Olivers Gedicht "Wild Geese" findet sich eine befreiende, größere Perspektive auf Zugehörigkeit. Sie schreibt davon, dass die Welt sich unserer Vorstellungskraft öffnet und uns - wie der Ruf der Wildgänse am Himmel - immer wieder an unseren Platz im großen Ganzen erinnert. 

Es ist, als würde die Natur selbst resonieren und uns zeigen: Du gehörst dazu. Nicht, weil du dich anpasst, sondern weil du einfach du bist. Weil du Teil dieses Lebens bist, mit deiner Art zu empfinden, zu denken und zu sehen. Es gibt einen Platz für dich.

Zugehörigkeit muss nicht erkämpft werden. Sie ist nicht das Ergebnis von Anpassung, sondern das Ergebnis tief empfundener Selbstakzeptanz und dem Erleben, gemeint zu sein. Aus der inneren Verbundenheit mit sich selbst können Beziehungen wachsen, die wirklich tragen - mit Menschen, die bleiben, weil die Verbindung echt ist. So zeigt sich, dass individuelle Selbstakzeptanz und soziale Bindung kein Widerspruch sein müssen, sondern sich gegenseitig ermöglichen.

Zugehörigkeit kann sich bis in eine tiefe Verbundenheit mit dem Leben selbst erstrecken, in der alles und jeder als bedeutsam und berechtigt erlebt wird. 
So muss Zugehörigkeit nicht mehr im Widerspruch zur Integrität stehen. Sie geht aus ihr hervor - und eröffnet Räume, die sowohl authentisch als auch andauernd sind.
 

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