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28. April 2026

Masking bei Autismus

Warum Anpassung so viel Kraft kostet

Authentizität und Masking bei Autistinnen

"Authentizität bedeutet, den Mut zur Unvollkommenheit zu kultivieren."

Dieses Zitat stammt von der US-amerikanischen Sozialwissenschaftlerin und Professorin Brené Brown. Sie wurde durch ihren TED-Talk "The Power of Vulnerabilty" bekannt und forscht zu den Themen Scham, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit.

Masking: Anpassung und Überlebensstrategie

Für autistische Menschen, insbesondere spät diagnostizierte Frauen, sind die Themen Authentizität, Identität und Zugehörigkeit sehr zentral. Forschungen zeigen, dass bereits kleine Mädchen darum bemüht sind, ihre autismustypischen Verhaltensweisen zu unterdrücken, weil sie zu Kritik, Ablehnung und Isolation führen. 
"Masking" wird diese Überlebensstrategie unter Fachleuten und Betroffenen genannt. 

Anpassung im Alltag und in sozialen Situationen gehören zum Zusammenleben dazu und betrifft die meisten Menschen.
Bei AutistInnen bedeutet Masking jedoch oft mehr als nur kleine Anpassungen. Sie überspielen nicht nur einzelne Eigenarten, sondern ganze Bereiche ihres natürlichen Verhaltens. Teile ihres authentischen Selbstausdrucks werden durch erlernte Strategien überspielt, um nicht aufzufallen und Missverständnissen vorzubeugen.

Typische Masking-Strategien im Alltag

Dazu gehört zum Beispiel, Blickkontakt zu halten oder vorzugeben, passende Gesichtsausdrücke zu zeigen, Smalltalk zu üben oder die eigene Körpersprache bewusst zu kontrollieren. 
Viele orientieren sich am Verhalten anderer, passen Kleidung und Interessen an, verbergen Reizüberflutung und Erschöpfung  oder den Wunsch nach Rückzug.


Häufig kommen Perfektionismus, übermäßige Vorbereitung und ständige Selbstbeobachtung hinzu. Stimming - repetitive Bewegungen und selbstberuhigendes Verhalten - wird weitestgehend unterdrückt.
Auch in Beziehungen und im Beruf bedeutet Masking übermäßige Anpassung und das Zurückhalten eigener Grenzen und Bedürfnisse. 

Die Folgen von Masking: Erschöpfung, Stress und Identitätsverlust

Je nachdem, wie lange Masking zur Strategie im Leben gehört, mündet es nicht selten in chronischer Erschöpfung und Burnout - dem sogenannten autistischen Burnout. 

Ständige Selbstüberwachung, Entfremdung von den eigenen Grenzen und Bedürfnissen, permanente Reizüberflutung und äußere Funktionalität können die Gesundheit stark belasten. Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass Betroffene häufiger unter stressbedingten Schmerzen, Schlafstörungen, Angstzuständen, Depressionen und sogar Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.


Auch das Thema des Identitätsverlusts wiegt schwer, weil spät oder gar nicht diagnostizierte Frauen häufig von tiefen Selbstzweifeln, Gefühlen der Unzulänglichkeit und Scham begleitet werden. 


Auch in Psychotherapien, die in Anspruch genommen werden, fällt der Autismus, sofern er noch nicht diagnostiziert wurde, bei Frauen oft nicht auf, weil sie die Maskierung auch in diesem Setting aufrecht erhalten. So erhalten sie häufig Diagnosen wie soziale Phobie, Depressionen, Burnout, (k)PTBS oder auch Borderline, aber die angewandten Therapiemethoden stoßen immer wieder an ihre Grenzen. 

Wege aus dem Masking: Der Prozess der Demaskierung

An dieser Stelle mag klar werden, wie wichtig es ist, um die eigene Neurodivergenz zu wissen und eine Diagnose sowie fachkundige Begleitung zu erhalten. 
Der Weg aus dem Masking hin zu einer authentisch gelebten Ausdrucksform ist weit und braucht Geduld. Strategien, die der Sicherung von Zugehörigkeit dienten, können nicht von heute auf morgen aufgegeben werden. 

Der Prozess der Demaskierung geschieht behutsam und nicht linear. Mit dem eigenen Wesenskern wieder in Kontakt zu kommen, benötigt ein feines Ausloten von individuellen Grenzen und unverhandelbaren Bedürfnissen. 
Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo Maskierung im Alltag stattfindet, ist ein erster bedeutsamer Schritt in ein neues Leben. 

Es ist ein vielschichtiger Vorgang nach und nach zu prüfen, welche Masking-Strategien durch authentische Handlungen ersetzt werden können und welche auch eine dienliche Form der Anpassung an das nicht-autistische Umfeld sind. 
Der Weg aus dem Masking ermöglicht Betroffenen, ein stabileres Selbstbild zu entwickeln und ein Stück weit sichtbar zu werden. 

Der November-Wald als Metapher für Authentizität

Der November lädt dazu ein, auf die dauerhaft bestehenden, tragfähigen Strukturen zu schauen. Er erinnert uns, dass das Wesentliche bleibt, wenn wir uns trauen, das Überflüssige abzustreifen. Mit dem Fallen der Blätter wird die wahre Struktur sichtbar - alles andere kommt und geht. Loslassen, was Kraft gekostet hat und den Blick nach Innen richten, auf die eigene überdauernde Beständigkeit.


Das Leben zeigt, dass alles seine Zeit hat. Die kahlen Äste im November, die letzten goldenen Blätter sind eine notwendige Phase im Jahreslauf. 


So ist auch das vorsichtige Demaskieren ein natürlicher Entwicklungsprozess. Ein Übergang, in dem man sich an die eigene Grundstruktur herantastet, Blatt für Blatt hin zum eigenen Wesenskern - in Vorbereitung auf ein neue Phase des Wachstums, die weniger auf Anpassung und mehr auf Authentizität beruht.

Authentizität als tragfähiger Zustand, nicht als Ideal

Damit schließt sich der Kreis zu dem Eingangszitat von Brené Brown: Authentizität entsteht dort, wo wir uns trauen, uns in unserer echten Form zu zeigen - unvollkommen, einzigartig und genau damit tragfähig.  

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