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28. April 2026

Dazugehören bei Autismus

Warum soziale Anpassung nicht bedeutet, dass man zugehörig ist

Zugehörigkeit als grundlegendes menschliches Bedürfnis

"Du muss nicht gut sein" schreibt Mary Oliver in ihrem Gedicht "Wild Geese" - "Wildgänse". Ein Gedicht, das von dem eigenen Platz in der Welt erzählt.

Zugehörigkeit - ein zentrales Thema, das auf die ein oder andere Weise jeden Menschen betrifft. Es ist nicht nur ein sozialer Zustand, sondern ein emotionales Grundbedürfnis: gesehen, verstanden und akzeptiert zu werden.
Betrachten wir das ganze durch eine evolutionäre Brille, so sichert die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Sippe oder Familie unser Überleben. Wir brauchen einander. 
Zugehörigkeit entsteht immer auch durch Resonanz des eigenen persönlichen Erlebens. Teilen Menschen unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln, gibt uns das Sicherheit und Validierung unseres eigenen Seins. Wir spiegeln einander - auch auf einer intuitiven Ebene, die Bindung schafft.

Warum Zugehörigkeit über Resonanz entsteht

Menschen mit Autismus erleben häufig ein tiefgreifendes Fehlen von Zugehörigkeit. Ihre Grenzen und Bedürfnisse, ihre Art zu denken, zu fühlen und in Kontakt zu treten, erfahren oft keine Resonanz. Das Gefühl, anders zu sein, eine andere Sprache zu sprechen oder gar von einem anderen Planeten zu sein, prägt das Leben vieler Betroffener. In dem Versuch, Zugehörigkeit über Anpassung zu sichern, geht leicht die Verbundenheit mit dem eigenen Wesenskern verloren. 

"Du musst nur zulassen, dass dein sanftes Selbst liebt, was es liebt" heißt es - sinngemäß übersetzt - weiter in Mary Olivers Gedicht. 
Autistische Menschen haben häufig ein oder zwei Menschen, zu denen sie eine tiefe und verlässliche Verbindung aufbauen, in der sie verstanden werden und sich nicht mehr erklären müssen. Viele profitieren von der Gewissheit, dass diese Verbindung stabil ist, auch wenn sie nicht auf die Art und Weise gestaltet wird, wie es für die meisten Menschen üblich wäre:

regelmäßige Telefonate, häufige Treffen, geselliges Beisammensein, Spontanität oder gemeinsame Unternehmungen sind für viele autistische Menschen nicht das, was ihnen entspricht.

Soziale Erwartungen und der Druck zur Anpassung im Alltag

Doch genau hier liegt die Herausforderung, denn unser Zeitgeist und die gesellschaftlichen Erwartungen stehen diesen Bedürfnissen oft entgegen. 
Die Welt ist auf schnelle Interaktion, nonverbale Hinweise und ungeschriebene Regeln ausgerichtet - Flexibilität und Spontanität werden hoch gehalten und an vielen Stellen vorausgesetzt. 

Was für andere selbstverständlich ist und als lebendig wahrgenommen wird, birgt für autistische Menschen ein hohes Maß an Stress, Überforderung und Angst.

Die Tatsache, dass sich die meisten Menschen in sozialen Settings, Gruppen und Freundschaften intuitiv und mit Leichtigkeit bewegen können, lässt Autist:innen immer wieder wahrnehmen, dass sie anders sind.

Unsichtbare soziale Regeln und ihre Bedeutung für Autist:innen

Sie können die ungeschriebenen Gesetze des sozialen Miteinanders nur schwer entschlüsseln, wenn es keinen Rahmen gibt, der für sie nachvollziehbar ist. 
Diese Unsicherheiten zu überspielen und nicht aufzufallen, kostet sehr viel Energie. Gerade autistische Frauen haben es im Laufe ihres Lebens perfektioniert, gesellschaftlich erwartetes Verhalten durch Beobachten und Analysieren nachzuahmen. 
Dies führt häufig zu tiefgreifender Erschöpfung und Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen und dem eigenen Wesenskern und kann zu einem ernsthaften gesundheitlichen Risiko werden.

Das Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Selbstverlust

So steht das Bedürfnis nach Verbindung oft im Spannungsfeld zu dem, was für autistische Menschen möglich und machbar ist.
Wenn AutistInnen beginnen, sich von äußeren Erwartungen und inneren Ansprüchen zu lösen und den Mut aufbringen, Verbindung so zu leben, wie sie ihnen entspricht, zeigt sich oft eine tief verwurzelte Angst, allein zu sein und den Anschluss zu verlieren.

Doch aus diesem Schritt in die eigene Wahrheit können Beziehungen entstehen, die tief, beständig und langlebig sind.

Zugehörigkeit als Ausdruck innerer Freiheit und Selbstakzeptanz

"Die Welt bietet sich deiner Vorstellungskraft dar"
In Mary Olivers Gedicht "Wild Geese" findet sich eine befreiende, größere Perspektive auf Zugehörigkeit. Sie schreibt davon, dass die Welt sich unserer Vorstellungskraft öffnet und uns - wie der Ruf der Wildgänse am Himmel - immer wieder an unseren Platz im großen Ganzen erinnert. 

Es ist, als würde die Natur selbst resonieren und uns zeigen: Du gehörst dazu. Nicht, weil du dich anpasst, sondern weil du einfach du bist. Weil du Teil dieses Lebens bist, mit deiner Art zu empfinden, zu denken und zu sehen. Es gibt einen Platz für dich.

Zugehörigkeit entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Selbstakzeptanz

Zugehörigkeit muss nicht erkämpft werden. Sie ist nicht das Ergebnis von Anpassung, sondern das Ergebnis tief empfundener Selbstakzeptanz und dem Erleben, gemeint zu sein. Aus der inneren Verbundenheit mit sich selbst können Beziehungen wachsen, die wirklich tragen - mit Menschen, die bleiben, weil die Verbindung echt ist.

So zeigt sich, dass individuelle Selbstakzeptanz und soziale Bindung kein Widerspruch sein müssen, sondern sich gegenseitig ermöglichen.

Zugehörigkeit als Verbundenheit mit dem Leben selbst

Zugehörigkeit kann sich bis in eine tiefe Verbundenheit mit dem Leben selbst erstrecken, in der alles und jeder als bedeutsam und berechtigt erlebt wird. 

So muss Zugehörigkeit nicht mehr im Widerspruch zur Integrität stehen. Sie geht aus ihr hervor - und eröffnet Räume, die sowohl authentisch als auch andauernd sind.

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