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28. April 2026

Autismus & Empathie

Was die aktuelle Forschung wirklich zeigt

Autismus und Empathie: zwischen Vorurteilen und neuer Perspektive

Der Begriff Autismus ist für viele Menschen eng mit der Annahme verknüpft, dass Betroffene eine mangelnde Fähigkeit aufweisen, Empathie zu empfinden und dass daraus viele zwischenmenschliche Schwierigkeiten resultieren. So eilt autistischen Menschen der Ruf voraus, gefühlskalt oder gleichgültig zu sein.

Seit einiger Zeit ist zu beobachten, wie sich eine sehr konträre Bewegung entwickelt - nämlich unter der Hypothese, autistische Menschen, vor Allem Frauen, seien hyperempathisch - würden also viel mehr (mit)fühlen als die meisten Menschen. 

Eine aktuelle Meta-Analyse hat sich unter der Berücksichtigung und Auswertung von 226 Studien dieses Themas angenommen und ist zu spannenden Erkenntnissen gekommen, die uns dazu anhalten, dieses Thema neu zu denken. ("A systematic review and meta-analysis of empathy in autism: The influence of measures" Autoren: Cusson et.al., 2025

Was bedeutet Empathie eigentlich? Eine Begriffsklärung

Wenn ich Menschen frage, was für sie Empathie bedeutet, bekomme ich sehr unterschiedliche Antworten. Daher erscheint es mir für diesen Artikel sinnvoll, den Begriff Empathie unter die Lupe zu nehmen. 

Empathie ist ein vielschichtiges Erleben und lässt sich in mehrere Bereiche unterteilen:

Kognitive Empathie und die Theory of Mind (ToM) unterteilt sich so:

  • intellektueller Part: das intuitive Erfassen und Verstehen der Gedanken, Handlungen, Absichten und Perspektiven anderer Menschen
  • emotionaler Part: das intuitive Erkennen der Gefühle und emotionalen Zustände anderer Menschen durch ihre Mimik, Gestik, Tonfall

Emotionale Empathie und Mitgefühl

  • "Empathic Concern": Emotionales Mitgefühl gegenüber anderen ("Ich fühle Anteilnahme, wenn jemand leidet"), führt zu dem Wunsch zu helfen
  • emotionale Ansteckung: Gefühle eines anderen Menschen werden unbewusst übernommen, schnell und reflexhaft und häufig körperlich spürbar

Personal Distress: Eigene Stressreaktionen verstehen

Neben diesen emtpathischen Reaktionen beschreiben viele Modelle noch eine weitere mögliche emotionale Antwort auf das Leid anderer: 

  • den "Personal Distress": starke eigene Gefühle und Stressreaktionen auf emotionale Zustände anderer Menschen - zum Beispiel starke innere Unruhe, emotionaler Stress und der Wunsch, der Situation zu entkommen

Ob diese Reaktion zu Empathie gezählt werden kann, oder rein reaktiv zu betrachten ist, ist nicht eindeutig geklärt.

Was aktuelle Forschung zu Empathie bei Autismus zeigt:

1. Unterschiede zeigen sich vor allem bei der kognitiven Empathie

Die deutlichsten Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen zeigen sich im Bereich der kognitiven Empathie - also der Fähigkeit, Gedanken anderer Menschen zu verstehen, Absichten und Überzeugungen nachzuvollziehen und emotionale Zustände anhand von Mimik, Gestik oder Tonfall zu erkennen.

Dies bedeutet nicht, dass autistische Menschen diese Fähigkeiten grundsätzlich nicht besitzen. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass sie im Durchschnitt mehr kognitive Anstrengung und Zeit benötigen, um soziale Informationen zu interpretieren.

2. Emotionale Empathie unterscheidet sich deutlich weniger

Hier fand die Meta-Analyse nur sehr kleine Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen. Wenn ausschließlich Studien mit sehr hoher Qualität berücksichtigt wurden, verschwand der Unterschied sogar vollständig.

Mit anderen Worten: Die Studie fand keine Hinweise darauf, dass autistische Menschen grundsätzlich weniger emotionales Mitgefühl empfinden.

3. Auffällig ist eine stärkere eigene Stressreaktion

Wenn andere Menschen leiden oder starke Emotionen zeigen, erleben manche autistische Menschen stärkere eigene Stress- oder Überforderungsreaktionen. Diese Reaktionen bedeuten jedoch nicht gleichzeitig, dass weniger Mitgefühl besteht, sondern beschreibt lediglich eine intensives eigenes emotionales Erleben.

Empathie bei Autismus ist lediglich anders organisiert

Diese Meta-Analyse zeigt, wie wichtig es ist, Empathie in mehrere Komponenten zu unterteilen, um ein wirklich aussagekräftiges Bild zu erhalten. Sie lässt die Annahme zu, dass bei Autismus die Empathie nicht einfach fehlt, sondern anders strukturiert und organisiert ist und über andere Wege begangen wird.

Autistische Menschen fühlen häufig viel und tief, haben aber mehr Schwierigkeiten, dies in helfende Handlungen, passende Worte oder kognitives Verstehen zu übersetzen. 

Analytische Verstehen als besondere Stärke

Besonders zu erwähnen sei hier die Fähigkeit vieler autistischer Menschen, soziale Situationen analytisch herzuleiten und zu erklären. Viele entwickeln im Laufe ihres Lebens differenzierte Strategien, die zu einer großen Stärke werden: 

genaues Beobachten, das Erkennen von Mustern in Verhalten und Kommunikation und das Wahrnehmen zahlreicher Details, die anderen entgehen. 

Autistische Frauen in helfenden Berufen

Am Ende dieses Artikels möchte ich erwähnen, dass sehr viele autistische Frauen in helfenden Berufen arbeiten - als Ärztinnen, Therapeutinnen, Erzieherinnen und anderen sozialen Bereichen.

Der analytische Zugang ist oft eine besondere Stärke und Qualität. Viele autistische Frauen haben eine hohe Beobachtungs- und Auffassungsgabe, nehmen Muster und Details sehr fein wahr und haben ein ausgeprägtes Gespür für komplexe Zusammenhänge.

Offenheit, Sorgfalt und ein vorausschauender Blick schaffen gute Rahmenbedingungen für eine gelingende Zusammenarbeit.

Empathie in Form von aufmerksamem Verstehen

Empathie zeigt sich so nicht nur als spontanes Mitfühlen, sondern auch als aufmerksames, ernsthaftes Verstehenwollen eines anderen Menschen.

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